(re)live-TV – Warum 2022 alles anders ist


Wie wir Fernsehen schauen, hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. So sehr, wie viele selbst gar nicht glauben würden. Weil fast schon ein Automatismus entstanden ist, der einem selbst erst auf den zweiten Blick auffällt.

Nehmt euch mal zwei Minuten und denkt nicht darüber nach, wie lange ihr in der vergangenen Woche vor dem Fernseher verbracht habt, sondern darüber, „wie“ ihr die vergangene Woche Zeit vor dem Fernseher verbracht habt.

… und dann wird vielen von euch etwas auffallen: Ihr werdet wenn überhaupt, vielleicht 25% davon lineares Fernsehen geschaut haben. TV an, zappen und schauen, was gerade so in der Kiste läuft? Sind wir ehrlich. Das machen heutzutage die wenigsten. Wer noch linear schaut, der weiß meist genau, was er sehen will. Sei es die neue Folge vom „Bachelor“ oder „#ibes“ gemütlich im Second Screen. Oder auch Formate wie die „Tagesschau“ oder „Stern TV“. Und natürlich Livesport.

Aber alles andere? Linear werden heutzutage vor allem Leuchtturm-Formate, Events oder Livesport geschaut. Für alles andere habe ich entweder die Festplatte auf meinem Receiver oder nutze ein On-Demand-Angebot.

Natürlich. Die ältere Generation wird weiter linear schauen. Oft auch keine Mediatheken nutzen. Aber es werden von Jahr zu Jahr weniger, die hauptsächlich linear konsumieren.

All das ist nicht wirklich neu. Und doch hat mich eines doch fast erschreckt: Ich habe knapp 50 Sender in meiner Favoritenliste und nutze davon keine 10 regelmäßig. Ich könnte 40 Sender löschen und es würde mich nicht im geringsten stören. Es liegt eben nicht nur daran, dass ich nicht mehr zappe, sondern auch, weil ich nicht mehr das Gefühl habe, irgendetwas zu verpassen. Läuft eine neue Serienfolge? Egal, guck ich On Demand. Bin ich zu spät für Lanz? Egal, meine Serienprogrammierung nimmt auf. Es kann mir nicht passieren, dass ich etwas verpasse.

Sind wir ehrlich. Das ist nicht „nur“ gut. Es ist nicht mehr das Fernsehen, dass wir kennen, oft geliebt haben. Es überrascht nur noch selten. Ich möchte eben nicht nur eine Abspielstation, sondern Sender und Formate, die dafür sorgen, dass ich auch gerne „live“ schaue. Ausnahmen wie „The Masked Singer“ oder der „Eurovision Song Contest“ zeigen, dass es gehen kann. Oder auch Reality-Formate, die im Second Screen beliebt sind. Es bleibt aber trotzdem eher die Ausnahme.

Wo es mir besonders auffällt und mich fast traurig macht. Serien! Sender wie „13th Street“, „FOX“, Universal Channel“. Alles Sender, die über viele Jahre das Pay-TV im Serienbereich zu dem gemacht haben, was er heute ist. Ein vielfältiges Angebot. Wie oft bin ich früher in der 13th Street bei „Law & Order“ hängen geblieben.

Und heute? Ich schalte meinen Sky-Receiver an, gehe auf Serien und habe eine große Übersicht an Serien, die ich direkt On Demand schauen kann.

Toll könnte man jetzt sagen. Ist es auch. Aber als Zuschauer macht es für mich keinen Unterschied mehr, von welchem Sender die Serie kommt. Serien On Demand sind mittlerweile eine reine Abspielstation. Ob die neue Serie nun über Sky direkt kommt, über den Universal Channel oder von HBO. Als Konsument ist es egal. Und dadurch geht irgendwie auch so ein bisschen die Identität und der Charme flöten.

Früher bin ich auf den Sendern stehen geblieben, habe die Serie geschaut und mich gefreut, dass ein toller Seriensender gewisse Produktionen eingekauft hat. Ich weiß noch, „Nip Tuck“ gab es vor vielen Jahren auf Premiere in Erstausstrahlung. Kurz nach 21 Uhr ging es los. Es war etwas besonderes.

Heute würde die neue Serie um Mitternacht auf irgendnem Sender On Demand zur Verfügung stehen. Wo? Völlig egal.

Worum geht es aber eigentlich? Um die Bindung der Zuschauer an die Sender. Die geht immer mehr flöten, nicht nur im Pay-TV.

Ich schaue mittlerweile sicher 95% nicht mehr linear. Natürlich aus Zeitgründen, natürlich auch wegen der Werbung im Free-TV. Ich habe zig Formate jede Woche, die ich aufnehme und abends dann schaue. Zudem nutze ich Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon und ab und an auch AppleTV+.

Wirklich linear nur noch echte TV-Highlights, die man „live“ schauen muss. Wie „Wetten, dass..?“ vor einigen Wochen. Ansonsten ist es zum allergrößten Teil der Livesport. Sport guckt man nicht relive. Die gute Nachricht: Das wird sich auch in der Zukunft nicht ändern. Und das ist gut so.

Die Quotenmessung ist und bleibt ein Thema für sich. Will ich an dieser Stelle auch nicht groß aufmachen. Klar aber, dass sich all das immer mehr verschieben wird. Die Währung „On Demand“ oder „Streaming-Zahlen“ wird auch hier immer wichtiger. Im Grunde jeder Sender hat eine Mediathek, wo er zum Teil entweder durch Werbung oder Abo-Einnahmen Geld generiert. Linear ist eben nicht mehr alles.

Die Sender nutzen das natürlich für sich. Immer öfter werden neben den TV-Quoten auch weitere Zahlen veröffentlicht. Wie z. B. Streamingzahlen oder generelle Videoaufrufe.

Es wird auch hier immer komplexer, kaum wirklich zu verstehen. Vor allem als Außenstehender schwer einzuordnen, weil sich natürlich jeder so gut verkaufen möchte, wie er kann, um dann auch Vermarktungsflächen gut zu verkaufen und einfach die eigene Attraktivität zu steigern.

DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath hatte die Tage genau zu so einem Vorgang einen Tweet veröffentlicht.

Es gibt eben nicht mehr nur linear. Viele haben #ibes auch online geschaut. Entweder „live“ bei TVnow oder sogar dort am nächsten Tag. Vor allem die jüngeren schauen vieles nur noch am Laptop, konsumieren TV ganz anders als ich es z. B. noch tue. All diese Zahlen sind für die Sender immer wichtiger, um sich breiter aufzustellen.

Der große Leuchtturm fürs lineare TV bleibt wie schon kurz angedeutet der Sport. Egal ob Fußball, Formel 1, Football, Wintersport, Handball oder jeder andere Sport.

Sport möchte man einfach live schauen. Auch zukünftig. Aber selbst hier sind wir mittlerweile kaum noch im linearen TV. Will ich am Sonntagabend die Bundesliga schauen, muss ich mit DAZN einen Streamingdienst einschalten. Will ich am Dienstag das Topspiel der Champions League sehen, will ich mit Amazon einen Streamingdienst einschalten. Will ich am Donnerstagabend meinen Klub in der Europa League sehen, muss ich mit RTL+ einen Streamingdienst einschalten.

Auch abseits des Fußballs ist es schon teilweise so. Sport-Streaming ist vor allem durch DAZN immer mehr im Mainstream angekommen. Wer Livesport will, kommt kaum an den Anbietern vorbei. Auf der anderen Seite haben wir mittlerweile die Möglichkeit so viel Livesport zu sehen, wie nie. Ich erinnere mich noch, wie vor einigen Jahren viele gemeckert haben, dass es gewisse Fußball- oder Sportevents gar nicht in Deutschland gab.

Sport ist und bleibt also live. Aber auch hier mit großen Veränderungen in den letzten Jahren.

Der Konsum hat sich auch so ein bisschen mehr in die Richtung „Second Screen“ verändert. Immer mehr twittern nebenbei, kommentieren im YouTube-Livestream oder bei Twitch.

Ich z. B. habe zuletzt immer wieder das DAZN-Feature auf dem AppleTV genutzt und gleich vier Liveübertragungen gleichzeitig verfolgt.

In diesem Fall das Finale des Africa Cup, sowie die Spiele der internationalen Top-Klubs von PSG, Real Madrid und Juventus Turin.

Völlig verrückt eigentlich. Aber auch das ist heutzutage keine Seltenheit. Wie viele sitzen jedes Wochenende mit mehreren Bildschirmen auf der Couch, um nur nichts zu verpassen? Auch das ist der Livesport. Und der wird „jetzt“ konsumiert. Nicht später.

Während ich diese Zeilen schrieb, habe ich auf Twitter ein Voting gestellt. Es geht darum, wie viel Prozent meiner Timeline noch „linear“ schaut. Das Ergebnis ist wenig überraschend. Fast 60% gucken nur noch „bis zu 25%“ live. Und der absolute Großteil davon ist und bleibt der Sport.

Wie wir Fernsehen schauen, hat sich also extrem verändert. Und wird sich weiter extrem verändern. Mehr Angebote, mehr Streaming-Anbieter, noch größere Auswahl.

Für das lineare TV wird es also immer wichtiger, die Zuschauer mit guten Ideen, überzeugenden Produktionen, aber auch einer starken SoMe-Kommunikation und einfach gewissen Anziehungspunkten dazu zu animieren, ihre Formate und Shows noch „live“ zu schauen und sie dort eben nicht in großer Zahl weiter zu verlieren.

Wenn mir ein Sender durch eine Showidee oder durch eine gute Kommunikation nicht nur im Vorfeld, sondern auch paralell und regelmäßig begegnet, mich animiert mitzumachen, zu diskutieren, zu lachen, zu weinen, mir Emotionen entlockt, mich neugierig macht, mich bindet, dann schaue ich auch gerne wieder mehr linear.

Ich entlasse euch genau zu diesem Thema. Wie oft hat euch in letzter Zeit das Fernsehen noch wirklich überrascht, war innovativ oder hat dafür gesorgt, dass ihr gerne „linear“ dabei seid?

… und nein. Der Gottschalk zählt nicht ;)

Veröffentlicht von Florian

Medien-Blogger, Community-Manager, Sportfan.

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